Katharina Weiß

Roberto Brundo Roberto Brundo

Abschied vom Wilden Westen

Sonstiges

Wer erinnert sich noch an die erste verbotene Hausparty? Den Einbruch ins Freibad? Die besoffene Prügelei mit dem besten Kumpel? Damals, als alles nach Ausbruch schrie, dauerhaft ein erregter Seufzer auf den Lippen lag und der kleinste Kiez die größten Abenteuer bereithielt! Der Spielfilm „Es war einmal Indianerland“ hat sich zur Aufgabe gemacht, dieses Gefühl auf Leinwand zu bannen. Und wer sich mit der Hauptfigur Mauser auf den cineastischen Streifzug begibt, wird während dieses psychedelischen Großstadt-Westerns mehr als einem nostalgischen Gedanken nachhängen.

So ungewöhnlich und originell wie „Es war einmal Indianerland“ ist auch Hauptdarsteller Leonard Scheicher, der in seiner bisherigen Karriere ein bemerkenswert glückliches Händchen für bizarr-unterhaltsame Filmstoffe bewies. Er verbringt mit mir den letzten schönen Herbsttag in Kreuzberg: Wir teilen heiße Schokolade, selbstgedrehte Zigaretten und jede Menge wunderbarer Jugendgeschichten. Ein Gespräch über Ekstase und Erotik, Verzweiflung und Verwandlung – ganz großes Kino eben.

Roberto Brundo

Katharina: Der Autor des Romans „Es war einmal Indianerland“, den ihr in ein cineastisches Feuerwerk verwandelt, hat sich bewundernd über die „mörderische Disziplin“ geäußert, die du an den Tag legen musstest, um der Boxer-Physis deiner Rolle gerecht zu werden. Wie hat sich diese Metamorphose vollzogen?

Leonard: Einen Boxer zu spielen war gleichzeitig Traum und Herausforderung. İlker Çatak, der Regisseur, meint, wir müssten andere Filme machen und neu erzählen! Er denkt groß und eigen, und da hatte ich so Lust drauf! Diese Rolle musste ich unbedingt spielen. Also bin ich vor dem Casting zum Boxtraining gegangen und habe mich im Fitnessstudio angemeldet. Als ich die Rolle dann bekam, war klar: Ich höre jetzt auf zu rauchen und zu trinken. Ich trainiere wirklich sechsmal die Woche, gehe zum Boxen und Gewichtheben. Ich bin normalerweise ja eher ein Strich in der Landschaft. Ohne eiserne Disziplin wäre das nicht möglich gewesen – einige Fitness Coaches meinten zuvor sogar, es sei unmöglich, diese Verwandlung in vier Monaten hinzubekommen… Da gibt es auch stille Momente der Verzweiflung. Wenn dir Mal wieder einer sagt: „Du schaffst das nicht.“ Ich stand schon oft vor dem Spiegel im Fitness-Studio und hatte Tränen in den Augen, weil ich dachte: Verdammt, ich kriege das nicht hin.

Katharina: Welcher Verzicht war am härtesten?

Leonard: Süßigkeiten! Crêpes und Croissants… Es ist ein sehr einsames Leben: Du stehst auf, isst, gehst zum Trai-ning, dann kaufst du ein, um das richtige Essen im Kühlschrank zu haben, und gehst früh schlafen. Es war unbedingt notwendig für mich, durch diese Veränderung des Körpers auch der Rolle näherzukommen. Ich wollte, dass man meiner Figur, dem Mauser, abnimmt, Sportler zu sein. Er sollte kein aufgepumptes Viech, sondern ein drahtiger Boxer in meiner Gewichtsklasse werden. Als ich dann die ersten deutlichen Erfolge sehen konnte, hat es sich auch total verändert, wie ich durch die Straßen gehe – man geht auf Konfrontationen anders ein.

Katharina: Hast du dich geprügelt in dieser Zeit?

Leonard: Nein, aber das Selbstbewusstsein wächst! Man weiß, dass man sich notfalls wehren kann… Ähnlich wie beim Schauspiel geht es viel um Räume: Wann und wie betrete ich den des anderen – und wie kann ich Reaktionen vorhersehen?

Katharina: Hast du dich dann auch als #gymboy auf Instagram profiliert?

Leonard: Instagram habe ich gar nicht. Diese Social Media-Technik hatte ich noch nie so raus. Aber natürlich konnte ich da jede Menge spannender Leute im Fitnessstudio beobachten. Zum Beispiel die eine Jungs-Gang mit den aufgepumpten Armen, die Freitagabend direkt vom Gewichtheben in den Club gehen. Ich hab’ meine Verwandlung dann eher im Privaten mit Stolz hergezeigt. Von diesem harten täglichen Training ist aber nach Drehschluss nicht viel übrig geblieben. So schnell die Muskeln da sind, so schnell sind sie auch wieder weg. Und abseits der Rolle genieße ich ein ungeplantes Leben viel zu sehr!

Katharina: Deine Figur Mauser verliebt sich in die wunderschöne und wohlstandsverwahrloste Jackie. Deine Schauspielkollegin Emilia Schule beschreibt sich im Film als „eitel, zickig und unkeusch“ – mit welchen drei Worten würdest du dich vorstellen?

Leonard: Privat? Ehrlich, offen und zurückhaltend. Zu Mauser passt am besten der Satz, mit dem er sich auch im Film beschreibt: „Da, wo ich herkomme, ist ein Wort ein Wort.“

Katharina: Mauser wird im Buch und im Film von einem stillen Indianer verfolgt – ein erzählerisches Sinnbild, das Mausers abstrakte Seelenlandschaft einfängt. Welcher Indianer verfolgt dich?

Leonard: Das Bauchgefühl. Bei mir hat das was mit großem Wollen zu tun, das begleitet mich ständig. Für jede Figur entwickle ich zum Beispiel ganz am Anfang eine Idee – die verfolge ich dann mit dem vollen Risiko, nie zu wissen, ob diese Idee am Ende aufgeht.

Katharina: Deine Figur macht am Anfang des Film etwas sehr aufregendes: Mauser ritzt sich die Handynummer seines neuen Schwarms Jackie in den Handrücken. Hast du schon mal etwas ganz Verrücktes für die Liebe gemacht?

Leonard: Ich war eher so der Typ, der Gedichte geschrieben hat. Deswegen hat mich diese Arbeit auch so erfüllt: Dieses große Suchen „Wo ist Mauser in mir?“ war wahnsinnig spannend.

Katharina: Spannend ist auch die Filmbeziehung zwischen dir und Kumpel Kondor – hattest du ebenfalls so draufgängerische Freunde, die dich in verbotene Abenteuer hineingezogen haben?

Leonard: Wilde Freundschaften, in denen man sich behaupten muss? Ich erinnere mich an einen… der war älter und auch im Fußballverein – das alles war ganz schön ellenbogig. Er hatte schon Erfahrung mit Sexualität und diesen Dingen, im Gegensatz zu ihm sahen wir anderen ganz klein aus. So einem will man daher immer wieder genügen und beweisen, dass man auch cool ist. Obwohl einem die ganze Zeit bewusst wird, wie klein und süß man eigentlich noch ist. Aber so einen ganz extremen Typ wie Kondor kannte ich nicht, den gab’s in meinem Umfeld einfach nicht. Allerdings habe ich mich oft von Mädchen mitreißen lassen, so wie es im Film der Figur Mauser mit der unnahbaren Jackie passiert. Ich glaube, jeder hat in seinem Leben eine Jackie – oder einen James!

Katharina: Hach, der eine „Bad Ass“-Typ aus der Parallelschule… Aber zehn Jahre später denkt man sich oft: Jetzt, wo er nicht mehr so unerreichbar ist, ist er nicht mehr so begehrenswert.

Leonard: Später im Leben drehen sich diese Dynamiken meistens um, da ändert sich nochmal ganz viel. Damals war ich oft verliebt in solche Mädchen wie Jackie – ich war aber natürlich viel zu schüchtern.

Katharina: Erinnerst du dich noch an den Geruch des ersten großen Party-Verliebtseins?

Leonard: Ja, es hat unfassbar nach Wodka Bull gerochen. Und man hatte den Shisha-Rauch noch in der Nase, es lief Chartmucke…

Katharina: …und der Raum war erfüllt von süßlichem Mädchendeo.

Leonard: Uhja, auf jeden Fall!

Katharina: Das Zitat „Mädchen riechen gut“ zieht sich ja auch durch den Film – für Mauser einfach der Geruch von Abenteuer. Ein bisschen hat mich die Wild-West-Thematik von „Es war einmal Indianerland“ daran erinnert, dass man in der Pubertät unerschlossenes Land betritt – und erobert.

Leonard: Für mich liegt die Betonung des Filmtitels eher auf „Es war einmal“. Es geht um den Moment, in dem man den wilden Westen und die Spielzeuglandschaft hinter dich lässt. Das Indianerland ist vorbei, jetzt beginnt so langsam das Erwachsenwerden.

Das ganze Interview mit Fotostrecke in voller Länge im MYP Magazine.

Text: Katharina Weiß

Fotos: Roberto Brundo