Katharina Weiß

Ansgar Schwarz Ansgar Schwarz

Eine Liebesorgie in der Kathedrale der Weiblichkeit

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Erschienen im MYP Magazine, hier geht es zum Original-Artikel mit allen Fotos.

Ein schöner junger Mann, mit feinen Gesichtszügen und hellen Augen, bindet sich eine blaue Blumenkrone um das dunkel gelockte Haupt: Damit strahlt er wie ein schwuler Hermes, von dem man nur allzu gerne gnädige Botschaften der Götter empfangen würde. Er erzählt von der Orgie in der Nacht zuvor: Über 65 Menschen hätten versucht, sich in die „Sagrada Feminina“ zu drängen – diese wurde für die Tage des Hedoné-Seminars erbaut und ist Kunstausstellung und Matratzenlager in einem.

In diesem Tempel der Lust also, der von manchen deutschsprachigen Besuchern als Kathedrale der Weiblichkeit bezeichnet wurde, hätten sich am ersten Abend die Leiber gestapelt. Unter einer schwingenden Plastik aus Fiberglas, die eine Klitoris verkörpert, sei er mit drei Männern im Liebesrausch versunken, erzählt der Jüngling. Für diese Herren sei es die erste schwule Erfahrung ihres erotischen Lebens gewesen. Anerkennend stellt er fest: „Die waren total entspannt damit.“ Eine andere Festivalbesucherin, deren blonde Zöpfe von einem halben Fruchtkorb bekränzt werden, hat die Orgie den anderen überlassen: „Ich war noch viel zu high von der ‚Vocal Therapy‘.“ Die Klänge hätten einen ganz verborgenen Ort in ihrem Inneren geöffnet.

Schwarz ist profan, Gold ist heilig.

Die Sehnsucht nach Schönheit schimmert durch fast jeden Satz, mit dem die etwa 280 meist aus Berlin angereisten Menschen die Sinnhaftigkeit des Seminars umschreiben. Und diese Schönheit erscheint hier im sakralen Gewand: Sphärische Chöre, gemixt mit Technobeats, sollen nach überirdischer Verheißung klingen. Der Dresscode bedient sich vorrangig an Motiven aus der Natur und rangiert zwischen Jugendstil-Symbolik und der Darstellung römischer Götter, erotisch und erhaben. Schwarz ist profan, Gold ist heilig. Gebetet wird nicht zu personifizierten Ikonen, sondern zur Energie, den Sinnen, der Natur. Neo-Hedonisten, so scheint es, empfinden eine gewisse Romantik in der Adaption pantheistischer Traditionen. Die ideologischen Grenzen sind jedoch fließend: „Wir geben nur die grundlegenden Werte vor, wie Liebe und Vertrauen“, erklärt Morta, eine der Organisatorinnen des Festivals. Ansonsten erklären sie sich zu keinem politischen Programm oder einer Partei zugehörig. Im Zentrum stünde die Mission, „Vorurteile gegen das Vergnügen“ zu bekämpfen und einen Raum zu schaffen, in dem emanzipierte Lust nicht nur geduldet, sondern zelebriert werden könne. Neben erotischen Beziehungen will das Seminar auch die Qualität aller anderen zwischenmenschlichen Verbindungen verbessern. Um der ganzen Spaßveranstaltung auch tiefere Töne zu verleihen, kollaboriert Hedoné zudem mit der senegalesischen Rapperin Sister Fa. Diese kämpft in ihrem Heimatland, geprägt durch das eigene Trauma, gegen Genitalverstümmelung von Mädchen.

Zum zweiten Mal veranstaltet das Team – bestehend aus Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt, die in Berlin eine Heimat gefunden haben – ihr Seminar im polnischen Dorf Debrznica. Zwei Stunden von Berlin steht der Pałac. Er ist im perfekten Zustand für das Seminar: Verfallen genug, um Luft und Licht durch viele Ritzen zu lassen, aber gleichzeitig noch ausreichend erhalten, um die Schönheit der einst herrschaftlichen Architektur erkennen zu lassen. Einst war der polnische Palast aristokratische Residenz, dann Klosterschule für Mädchen – und nun buchbare Örtlichkeit für Hochzeiten oder Festivals. Neben dem Hedoné-Seminar veranstaltet hier auch die Crew des „Garbicz Festival“ gelegentliche Sausen. Was die Dorfbewohner davon halten, wenn mal wieder die deutschen Hippies für ein Wochenende voller Bassbeats und Glitzerstaub anreisen, lässt sich nur erahnen. Debrznica hat gefühlt genauso viele Hunde wie Einwohner. Es gibt keine Läden, nur einen kleinen Kiosk, der selten offen ist. Obwohl das Dörfchen nur einen gefühlten Katzensprung von der deutschen Grenze entfernt ist, scheint die Gegenwart hier noch in den 1950er Jahren zu stecken.

Es geht um Lust und vielfältige erotische Praktiken, aber auch ums Liebemachen.

Die Welt hinter den Mauern des Palastes eröffnet hingegen den Blick in die Zukunft. Ein bärtiger Mann mit blau lackierten Zehennägeln meint dazu: „Zu all diesen Genderdebatten, die momentan in den Medien diskutiert werden, kann ich nur sagen: Ich habe das Gefühl, hier wurden diese Fragen schon beantwortet.“ Was er damit meint, ist vermutlich die Betonung, die die Hedoné-Veranstalter auf sexuelle Freizügigkeit und „Sexual Consent“ legen, sprich die Zustimmung zum gemeinsamen Sex. Es geht um Lust und vielfältige erotische Praktiken, aber auch ums Liebemachen: „Liebe dich selbst und liebe jeden, mit dem du deine sexuelle Befriedigung erlangst. Im Zweifelsfall wähle den sanften statt den harten Weg.“ Workshops, die genau das trainieren sollen, nennen sich beispielsweise „Tantric Sensations“ oder „Radiate Sensuality and Sexuality“.

Letzterer Workshop wird von einer Dozentin aus dem Vereinigten Königreich angeleitet, deren Referenzen auf eine vage heilpraktische Ausbildung zurückgehen. Jeder darf kurz über seinen gegenwärtigen Gemütszustand philosophieren – die Empfindungen reichen von entspannt bis verwirrt –, dann geht es los: Die Teilnehmer finden sich in Pärchen zusammen. Viele Männer sind oberkörperfrei, aber nur eine Frau verzichtet auf Shirt und BH. In den Übungen geht es darum, Berührungen zurückzuweisen oder zu empfangen. Nach jedem Abschnitt wird der Partner gewechselt. Aufregung macht sich im Körper breit, wenn einem ein Fremder über die Lippen streicht, sanft den Kopf massiert oder dir Tee einflößt und dabei ins Ohr haucht. Die Festivalbesucher sind zum großen Teil offen für queere Praktiken und Prozesse, in ihrer erotischen Präferenz merkt man aber einen heterosexuellen Schwerpunkt. Deshalb verwundert es nicht, dass sich im Berührungs-Workshop häufig bewusste Mann-Frau-Konstellationen ergeben. Eifersucht spielt dabei jedoch keine Rolle. Man genießt es, sich für ein paar Minuten tief in die Augen zu sehen und die Haut des anderen zu spüren. Dann lässt man sich nach einer dankenden Umarmung wieder los und sucht sich einen neuen Spielgefährten.

Es wird gestöhnt und geschrien – und George Michaels »Freedom« ist bis ins Dorf zu hören.

Während sich die Workshop-Teilnehmer drinnen ein hormonelles High durch gegenseitiges Anfassen holen, geht es draußen etwas abstrakter zu. Beim „Sensual Shibari“-Kurs kann man sich zu einem Bondage-Paket verschnüren lassen. Eine Frau, die dabei war, zeigt später ein Foto von sich, das ihr Fesselpartner von ihr aufgenommen hat. Darauf liegt sie in angewinkelter Körperstellung gemütlich auf dem Rasen, die Seile umspannen stützend ihren schlanken Körper. Es habe sich friedlich angefühlt. Ein paar Meter daneben leitet ein Workshop namens „Moving the Sacred Masculine“ seine ausschließlich männlichen Teilnehmer mit lauten Übungen dazu an, die guten Qualitäten des Mann-Seins heraufzubeschwören. Und auch der klassische Ausdruckstanz darf nicht fehlen: Auf der Outdoor-Tanzfläche vor dem riesigen künstlichen See des Geländes winden sich Körper in musikalischer Ekstase, es wird gestöhnt und geschrien, alle Glieder werden vom Körper geworfen und George Michaels „Freedom“ fliegt über die Ländereien und ist bis ins Dorf zu hören.

Neben dem Pałac ist das höchste Gebäude Debrznicas die Kirche. Gegen 17 Uhr kommen dort eine Handvoll Dorfbewohner zusammen, chorale Gesänge dringen aus der offenen Türe, in den hinteren Reihen schiebt eine Mutter den Kinderwagen auf dem Gang neben sich hin- und her. Debrznica am frühen Abend fühlt sich so an, wie sich wahrscheinlich der ultrakonservative Ministerpräsident Duda am liebsten seine polnischen Dörfer vorstellt. Dass es bei den Vermietern des Palastes jedoch noch nie Beschwerden der Bewohner über die Seminarbesucher gab, zeichnet ein anderes Bild. Vielleicht hätten einige liebend gerne in der „Sagrada Feminina“ gefeiert, anstatt den Gottesdienst zu begehen.

Beim Nacktyoga frühmorgens hatte er Pech gehabt: Seine Eichel wurde von einer dicken Mücke attackiert und gestochen.

Zu diesem Zeitpunkt hat der durchschnittliche Hedoné-Seminarbesucher schon eine überdurchschnittliche Menge an Streicheleinheiten und Glitzerkuren empfangen. Die Workshops in den Mittagsstunden haben ganze Arbeit geleistet. Man kennt sich nun, wirft sich freundliche und flirtende Blicke zu und alle bereiten sich auf die große Hedo-Gala vor: Mit einer Eröffnungszeremonie am Samstagabend soll die bis Montag andauernde Party eingeläutet werden. Alle schmeißen sich nun in Schale. Ein Mitglied des Hedoné-Teams träufelt duftende Aphrodisiaka auf Handgelenke. Wer seine Blumenkrone schon auf dem Kopf und genug Farbe im Gesicht hat, der entspannt vorfreudig auf der Veranda. Der bärtige Mann mit den blau lackierten Zehennägeln ist nun wie ein persischer Prinz gewandet und ist in Höchstlaune: „Die letzten 24 Stunden Erkenntnisgewinn waren krasser als die letzten zwei Jahre meines Lebens.“ Alles sei spitze, nur beim Nacktyoga frühmorgens hatte er Pech gehabt: Seine Eichel wurde von einer dicken Mücke attackiert und gestochen. Auch Neo-Hedonisten haben es nicht immer leicht.

Die allermeisten Besucher sind tiefenentspannt und nachsichtig mit ihren neuen Bekanntschaften. Einer aber, Marke Techno-Wikinger, nimmt sich und die hedonistische Mission der Selbstbefreiung etwas zu ernst. Nackt sonnt er sich auf der Veranda und lauert auf neue Opfer, denen er den Vorwurf der Kleingeistigkeit entgegenschleudern kann. Der blonde Thor im Adamskostüm sagt dann Dinge wie: „Einfach mal das Maul halten, in sich gehen, alleine losziehen.“
– Woraus schließt du, dass ich das noch nie getan habe?
„Das sehe ich in deinen Augen!“, behauptet er und schüttelt leicht aggressiv das lange Haar. Sein Verhalten bleibt die Ausnahme. Über das Miteinander muss sich beim Hedoné-Seminar keiner beschweren – über das Essen scheiden sich jedoch die Geister: Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit schätzt der Neo-Hedonismus achtsame Ernährung, weshalb jeweils eine vegane Hauptmahlzeit angeboten wird. Zumindest was die lukullischen Vergnügungen betrifft, kann der ethische Hedonismus nicht mit dem ausschweifenden Original mithalten. Aber wer braucht schon kulinarische Freuden, wenn er noch die fleischlichen hat!

»Wir betrachten das Hedoné-Seminar nicht als Sex-Party, sondern als Zusammenkunft von Liebenden.«

Es ist ein Festmahl für die Augen, alle nun im Gala-Outfit bewundern zu dürfen: Rosen und Ranunkeln, Amaryllen und Anemonen ranken sich um Haare und Hüften, Brüste schieben sich unbedeckt und voller Glitzerstaub aus weißen, wallenden Gewändern, Goldschmuck umrahmt Hände und Fußgelenke. Ein hochgewachsener Jupiter schwingt seinen goldenen Mantel, zwei Frauen kuscheln sich für ein Foto an seine schimmernde Brust, dieses Abziehbild prächtigster Männlichkeit. Und schließlich ruft Lola Toscano, die Gründerin und große Gaja der Gruppe, ihre Anhänger zur großen Eröffnungszeremonie. „Hedonés Ziel ist es, einen sicheren Raum für Einsteiger zu erschaffen, die neugierig darauf sind, den sozio-sexuellen Raum zum ersten Mal erkunden. Daher betrachten wir das Hedoné-Seminar nicht als Sex-Party, sondern als Zusammenkunft von Liebenden, in welchem alles möglich ist, aber nichts ist erzwungen wird.“, erzählt sie, während sich die herrlich kostümierten Seminar-Teilnehmer am künstlichen See einfinden. Sie halten sich mit geschlossenen Augen an den Händen, während eine sanfte Frauenstimme „De rerum natura“ von Lukrez vorließt:

„Mutter Roms, o Wonne der Menschen und Götter,
Holde Venus! die unter den gleitenden Lichtern des Himmels
Du das beschiffete Meer und die Früchte gebärende Erde
Froh mit Lehen erfüllst; denn alle lebendigen Wesen
Werden erzeuget durch dich und schauen die Strahlen der Sonne.“

So lasset die Spiele beginnen! Wer noch nüchtern war, erhebt nun sein Glas oder schmeißt sich eine Pille ein. Abseits der Tanzfläche tollen muskulöse Faune umher, deren Blumengepränge kaum den Schambereich bedecken, während die Abendsonne auf ihre blanken Hintern scheint. Zwei Schwestern, die eine 19, die andere 28, verteilen kleine Autogrammkarten, auf denen sie zusammen als versaute Nonnen oder Krankenschwestern posen. Geschwisterliebe mal anders. Die Eltern der beiden feiern dieses Jahr ihr 40. Ehejubiläum – monogam und glücklich. Ihre Töchter freuen sich schon auf die Orgie, mit der die Nacht in der „Sagrada Feminina“ gekrönt wird. Auch im zweiten Stock stimmt man sich auf den sinnlichen Teil des Abends ein. Zwei Frauen fahren mit ihren Fingernägeln sanft am Unterarm eines Mannes entlang, der seine Augen nicht von der Schönheit wenden kann, die ihm die Götter da vor die Füße gelegt haben.

Die Dunkelheit bricht an. Schnaps gleitet die Kehlen hinunter, parfümierter Rauch steigt empor, überall greifen Finger ineinander und ein goldglänzender Jupiter verschwindet kichernd mit einer blonden Venus in die Nacht.

Mehr über das Künstlerkollektiv Hedoné:

hedone.berlin
facebook.com/hedone.berlin