Katharina Weiß

Jörg Krauthöfer Jörg Krauthöfer

„Ich war ein Außenseiter“

Film

Erschienen in der Berliner Morgenpost, hier geht es zum Original-Artikel mit allen Fotos.

Düstere Erotik, unstillbare Gier und psychotische Grausamkeit: Die Serie „Parfum“ entwickelt den Grundgedanken von Patrick Süßkinds Weltbestseller weiter. Ein Frauenmord macht auch dieses Mal den Auftakt, doch schnell taucht die fesselnde Geschichte in die Vergangenheit von fünf ehemaligen Internatsschülern ein, die seit mehr als zwanzig Jahren von einem Geheimnis verfolgt werden. Ab dem 14. November ist sie bei ZDFneo zu sehen. Zudem eröffnet “Parfum” das neue Label “NEOriginal”, das künftig ausgewählte Serien für die Zuschauer der ZDFmediathek bündelt. Schauspielstar Ken Duken spielt einen von der Leidenschaft besessenen, der nach dem Duft der Liebe sucht und doch niemals den Gestank der Abscheulichkeit los wird.

Berliner Morgenpost: Die Drehbuchautorin der Serie schreibt über ihre Protagonisten: „In ihrem Leben gibt es keine Liebe. Umso stärker wirkt das Bild von Liebe in ihrem Kopf. Doch ist die nicht das eigentliche Monster?“ Wie würden Sie die Frage beantworten?

Ken Duken: Die Sehnsucht ist ein komplexes Bedürfnis. Oft suchen wir etwas in anderen Menschen, das wir nur in uns selber finden können. Ein Schulterklopfen, Lob oder sogar Liebe sind uns als einmaliges Erlebnis nie genug: Je mehr wir es bekommen, umso stärker wird das Verlangen, noch mehr davon zu erhalten. Wir stehen unter der ständigen Abhängigkeit eine Leere füllen zu müssen. Deshalb hat meine Mama gesagt, und vielleicht noch viele andere Mamas: Du musst dich selber lieben, um von anderen geliebt zu werden und selber lieben zu können. Ich glaube, da ist wahninnig viel dran.

Ihre Figur sagt in der ersten Folge, dass sie „süchtig“ nach dem Mordopfer war. Von welcher erotischen Passion ist ihr Charakter angetrieben?

Von genau der kranken Leidenschaft die bezwecken soll, die eigene Leere zu füllen, um vielleicht doch noch geliebt zu werden. Aber Gefühle wie diese sind schwer in Worte zu fassen. Roman ist ein emotional Getriebener, der sich an ihrer Ablehnung wie an einer Droge berauscht. Man denkt immer, man bekommt was von einer Droge. Aber im Grunde nimmt sie uns nur etwas weg – und gibt uns immer wieder einen Teil von dem zurück, was sie uns vorher genommen hat.

Auch über das Frauenbild der Serie wurde diskutiert: Die schöne Sängerin Katharina verkörpert pure, manipulative Verführung und wird in der ersten Folge zur Wasserleiche. Elena, Ihre Film-Ehefrau lässt sich sexuell ausnutzen, vergewaltigen und schlagen und bleibt doch abhängig von ihrem Gatten. Und die Ermittlerin schläft heimlich mit ihrem verheirateten Chef. Wie denken Sie darüber?

Es wurde gesagt, dass wir ein sehr kritisches Frauenbild zeigen – dem steht aber ein kein gesundes Männerbild gegenüber. Die Serie dient als überspitzte Gesellschaftskritik, die uns Abgründe aufzeigt, die immer noch alltäglich sind. Dass wird damit keinen Preis für die charmantesten Sympathieträger gewinnen, war klar. In den späteren Folgen wird aber mit vielen überraschende Wendungen erklären, warum die Menschen in „Parfum“ so weit vom Weg abgekommen sind.

Patrick Süskinds Buchvorlage zeigt das materielle Elend der frühen Neuzeit, der rohe Gewalt zwangsläufig nicht fern ist. In der Serie, die in unserer Gegenwart spielt, wird die Gewalt subtiler, vielleicht psychischer, thematisiert. Wie zeigt sich das?

Wie damals: Über menschliche Abgründe. Wenn ich die Nachrichten verfolge kommt es mir übrigens nicht so vor, als wäre Gewalt in unsere heutigen Gesellschaft subtiler.

Hat „Parfum“ Ihre Perspektive auf das Böse in einer philosophischen Hinsicht ergänzt?

In der Vergangenheit habe ich einige Historienfilme gedreht, zum Beispiel mit Bezug zur NS-Zeit, die mich so tief in die Abscheulichkeit menschlicher Grausamkeit eintauchen ließen, dass ich sagen muss: Viel kann mich nicht mehr schocken. Deshalb kam jetzt speziell durch diese Geschichte nichts dazu. Ich habe schon einige Abgründe in meinem Leben kennengelernt und habe von mir selber nie behauptet, der perfekte oder brave Mensch zu sein.

Süßkinds Roman baut auf die Idee auf, ein Parfüm zu erschaffen, das macht, dass jeder dich liebt. Würde Sie der Besitz dieses Parfüms reizen?

Nein, das wäre mir zu viel stressig. Wenn jemand ein Parfüm kreieren würden, das macht, dass wir uns selbst lieben und stets mit uns im Reinen sind: Dann würde ich wahrscheinlich zugreifen.

Aber die Zutaten dafür müssen erst noch gefunden werden…

Den Duft haben wir alle schon in uns – wir wollen ihn meistens nur nicht riechen.

Sie sind vor allem für Ihre Wandelbarkeit bekannt. Mal spielen Sie einen Bad Boy wie Tolstojs Anatol Kuragin („Krieg und Frieden“), mal den betrogenen Liebhaber eines Szene-Regisseurs („Coming In”), mal den sympathischen Erfinder Carl Benz („Carl und Bertha“). Gibt es einen gemeinsamen Nenner? Und wie ergänzt die Rolle in „Parfum“ Ihr Portfolio?

Gemeinsam haben all diese Figuren den Schauspieler, der sie spielt. Ansonsten wähle ich mir meine Rollen sehr instinktiv aus. Da höre ich auch nicht auf Leute, die mir den Vogel zeigen. Ich bin immer noch auf der Suche nach mir selbst. Deshalb spiele ich nie etwas, das dem Projekt gleicht, welches ich gerade abgedreht habe.

Nach Tempel ist das schon ihre zweite ZDFneo-Serie. Wann haben die Blut geleckt, sich dem Langformat zuzuwenden?

Mittlerweile sind die guten Autoren, auch wegen des Geldes, in die Serien gewandert. Die neue horizontale Erzählweise und die mutige Art, Geschichten in mehreren Folgen umzusetzen hat eine Zeitenwende herbeigeführt. Ich habe auch noch ein paar Serienprojekte vor mir. Trotzdem liebe ich nach wie vor den Kinofilm auf der großen Leinwand.

In einer Szene wird der Marktwert der Serien-Clique besprochen, gerankt wurde nach Aussehen, Status oder Talent. Wie war Ihr Marktwert als Teenager?

I didn’t give a fuck. Das war mir einfach egal. Ich war eher ein Außenseiter. Mit vielen Leuten konnte und wollte ich nicht umgehen. Ich kenne das Gefühl, nicht reinzupassen. Auch jetzt suche ich nicht nach der coolsten Gruppe. Ich bin ein sehr harmonischer Mensch. Ich weiß, wer meine Freunde sind und das Wichtigste bleibt die Familie. Und in Berlin habe ich endlich eine Heimat gefunden.

Warum so spät?

Als geborener Heidelberger war ich für die Garmischer im tiefsten Bayern immer der ‚Zugereiste‘. Als ich in meiner Berliner Wohnung zum ersten Mal den Schlüssel umgedreht habe, fühlte ich mich sofort Zuhause. Berlin ist für mich im Moment der tollste Ort der Welt. Ich könnte stundenlang von dieser Stadt schwärmen.