Katharina Weiß

Steven Lüdtke Steven Lüdtke

Konservierte Kindheit im Kliemannsland

Gesellschaft

Erschienen im MYP Magazine, hier geht es zum Original-Artikel mit allen Fotos.

Fynn Kliemann ist einer, der sich gegen das Erwachsenwerden wehrt. Nichts Besonderes, könnte man meinen, vor allem nicht bei einem jungen Mann in seinen späten Zwanzigern. Doch bei Fynn Kliemann ist das etwas anders – denn die halbe Nation schaut ihm dabei zu. Mit wenig Trotz und viel Virtuosität lässt er uns auf YouTube von jenen Kindheitstagen träumen, an denen wir mit uns in Papas Garagenwerkstatt die Hände zusammenleimen durften. Oder an denen wir mit anderen kleinen Helden zu langen Eroberungstouren aufbrachen, die uns durch unsere Kindheit führten, querfeldein durch das moosbewachsene Hinterland der Republik. Bei manchen von uns liegt das vielleicht im Allgäu, bei anderen vielleicht im Sauerland. Oder eben, wie im Falle Kliemann, in der norddeutschen Provinz.

Die eierlegende Wollmilchsau – der gelernte Webdesigner ist Agenturchef, YouTube-Heimwerker, Autor und neuerdings ziemlich guter Musiker – hat hier inmitten seiner Heimatlandschaft ein Do-it-yourself-Domizil errichtet: Das „Kliemannsland“ liegt in einem Kaff namens Rüspel. Nach Bremen sind es 50 Kilometer, nach Hamburg 70. Heute empfängt uns der Hausherr bei schönstem Schmuddelwetter: Kein Flecken Blau am Himmel, dafür perlen die Tropfen schön vom goldenen Herbstlaub herab, das den braunen Boden vor den Backsteingebäuden des Hofs verdeckt.

Kliemann hat neue Schuhe an, rot-weiß-karierte Vans, die nach dem Shooting im Matsch auch ordentlich Braun in ihrer Farbpalette haben. Aber ihn scheint das nicht zu stören. Spaß am Dreck gehört zum Prinzip der Landliebe. Sein Kliemannsland, ein mehr als drei Hektar umfassendes Gelände, dient seit dem Frühjahr 2016 als Spielwiese für Selbermacher: Wessen Idee von Fynn Kliemann und seinem Team abgenommen wurde, der kann die alten Scheunen und Ställe als Tüftelhütte, Atelier oder Drehort nutzen. Immer mit dabei: der Digitalkanal „Funk“, der das Treiben hier im Auftrag des NDR mit der Kamera einfängt.

Wer Teil des Ganzen werden möchte, betätigt den „Fynnder“ auf der Kliemannsland-Website. Hier kann man sich als Helfer bewerben und eigene Vorschläge einreichen. Wer jedoch denkt, dass es Aussteiger und Aktivisten sind, die hier ihren Sehnsuchtsort gefunden haben, der irrt sich – nach Promiskuität und Hedonismus wird hier vergebens gesucht. Im Kliemannsland packen Graphikdesigner aus Köln-Rodenkirchen, Fitnesstrainer aus Hamburg-Eimsbüttel oder zahntechnische Assistenten aus Berlin-Neukölln mit an. Wer nach den Allerqueersten, den Vegansten oder Durchgekanlltesten sucht, für den hätte das Kliemannsland einen enttäuschenden Beigeschmack der Mittelmäßigkeit. Auch mit routinierten Gruppenorgien und Drogenexzessen kann Kliemann wenig anfangen: „Wir sind keine komische Hippie-Kommune.“ Der Wahnsinn hält sich in Grenzen – und das empfinden seine Fans als überraschend angenehm.

Steven Lüdtke

Steven Lüdtke

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Was könnte man nicht alles schreiben, um in diesen Gutshof generationenspezifische Seelennöte hineinzuinterpretieren: Ein Märchenland für Millenials, ein Schutzgebiet der Smartphone-Jünger, denen jeden Tag aus einem anderen Grund die neu erwachte Spießigkeit nachgesagt wird: Es wird nicht mehr gesoffen und ordentlich randaliert, stattdessen wollen wir alle nur mit Avocados gefüttert werden und in unserer Instagram-Story das Ergebnis des letzten Yoga-Workshops festhalten. Wir lieben unsere Funktionsjacken und unsere langjährigen Lebenspartner, mit denen wir eher in den Schwarzwald als nach Sri Lanka fahren.

Doch was soll all die Ironie, wenn man auch mal zugeben kann: Kuscheln ist toll, das Resultat eigener Hände Arbeit macht wahrhaftig stolz, ein Lagerfeuer wärmt am innigsten – und zu Hause ist es einfach am schönsten. Wenn Kliemann in der Stadt auf Events ist, denkt er sich oft: „Mann, wäre ich jetzt gerne zu Hause, da hätte ich was zu tun.“ Und seine Vorstellung von Glück findet viele Anhänger, die in ihm endlich ein Aushängeschild gefunden haben. Ein paar von ihnen arbeiten mittlerweile für die Marke Kliemannsland, sie sind dafür aufs Dorf gezogen. Rüspel und die ganze Zevener Umgebung profitieren von den neuen Bewohnern und den vielen Besuchern. Auch die FAZ bewundert das und schreibt: „Etwas pathetisch könnte man sagen: Fynn Kliemann holt die jungen Menschen, die es seit Jahren in die Metropolen zieht, zurück aufs Land.“

So hat er einfach mal so im Alleingang ein Konzept zur erfolgreichen Bekämpfung der Landflucht aufgestellt. Er hat aus der Not eine Tugend gemacht und das „Niemals-aus-dem-Dorf-gekommen-Sein“ zum Lifestyle-Ziel erklärt. Absehbar war das lange nicht: „Hier zu leben war damals eher eine ‚Aus-Versehen-Entscheidung‘ – ich bin nicht rausgekommen. Früher fand ich das sehr doof. Ich wollte ja auch unbedingt weg. Es war immer der ganz feste Plan, hier abzuhauen“, erzählt Kliemann, der nach dem Abitur eine Ausbildung zum Webdesigner in Bremen anfing und sich noch in den ersten Ausbildungsmonaten selbstständig machte. Die Umzugsfinanzierung wurde immer weiter verschoben, er pendelte.

Dass Kliemann abseits davon sein Schicksal von Anfang an selbst in die Hand nahm, wird auch durch eine kleine Schummelei in seinem Lebenslauf deutlich: Auf Wikipedia stehen zwei verschiedene Geburtsjahre zur Option, 1990 und 1988. Der Grund? „Ich habe die ersten Jobs mit 18 gemacht. Und wenn du zu einem Konzern hingehst, der viel Geld hat, dann geben die das ungern jemandem, der die Cap schrägt trägt, dort mit kaputten Skateboard-Schuhen reinläuft, augenscheinlich überhaupt kein Geld hat und zudem noch keine zwanzig ist“, erklärt Kliemann, warum er sich für kurze Zeit zwei Jahre älter machte. Auch sonst nimmt er es mit genauen Jahresdaten nicht so ernst, die kann er sich einfach nicht gut merken. „Die Mutter meiner Freundin weiß zu jedem Ereignis immer das Datum, die müsst ihr fragen, ich selbst weiß gar nix“, scherzt er. Mit seiner Partnerin Franzi ist Kliemann zusammen, seitdem er 15 Jahre alt ist.

Wer die vielen Karrierestationen des heute 28-Jährigen betrachtet, fragt sich schnell: Wurde er mit der goldenen Spiegelreflexkamera in der Hand geboren? Gehören seine Eltern zum deutschen Kreativadel? Aber nein. Zu markigen Sätzen wie „Bei Geld fühle ich absolut gar nichts!“ kam Kliemann nicht, weil dieses immer im Überfluss vorhanden war. „Reichtum hat keine Rolle in unserer Erziehung gespielt“, sagt der älteste von drei Brüdern. „Wir waren Mittelschicht, aber unterste. Es ging immer so, aber viel war nie da.“ Er betont, dass er keine Leidensgeschichte zu erzählen hätte, weil ihm und seinem Umfeld das immer ziemlich egal gewesen sei. Fehlendes Kapital wurde erst dann zum Störfaktor, wenn ihm das Werkzeug fehlte, um Dinge umzusetzen, und er sich keine Kamera leisten konnte, um ein Video zu drehen, oder eine Gitarre fehlte, um Musik zu machen. „Wo ich schlafe und was ich esse, ist mir egal. Geld brauchst du nur, um Ideen zu realisieren. Wenn es deshalb scheitert, dann nervt das so kolossal, dass ich irgendwann angefangen habe, so viel zu arbeiten und mich so vorzubereiten, dass es diese Einschränkungen nicht mehr gibt.“

Auf der Metaebene hat Kliemann hier ein Morgenland neuer Arbeitsweisen erschaffen, das die Kreativität befreien soll. Für seine vielen Geistesblitze war ein einziger Job nie genug. Schnell merkte er: „Ich brauche vier, damit ich das machen kann.“ Was übrig blieb, investierte er in ein neues Projekt, bis sich die verschiedensten Perspektiven langsam aufbauten. Doch dann lernte er, dass es Baustellen gibt, die so teuer und groß sind, dass auch sechs Jobs nichts helfen. Hier begann das Netzwerken: „Dann brauchst du Kontakte zu Menschen, die genug Kapital haben. Und du musst lernen, wie du denen deine Ideen so verkaufst, dass sie diese genauso gut finden wie du. Wofür du wiederum eine Referenzliste mit Sachen brauchst, die schon funktioniert haben.“ Nur so können Herzensprojekte wie das Kliemannsland realisiert werden. Eine ganze Maschinerie darum herum macht es möglich, dass dieses Landstück zum Ort kleiner und großer Visionen wird. Und auch wenn der NDR die Sendung „Kliemannsland“ bezuschusst: Für die Haltungskosten des Hofs zahlen nur Kliemann und sein Geschäftspartner. Zudem leben mittlerweile fünf Angestellte hier, die teilweise gleichzeitig Redakteur und Gärtner sind. Bei so viel kreativer und personeller Verantwortung kann man kein Trödler sein: „Wenn du viel schaffen willst, brauchst du eine Struktur im Hintergrund, damit das halbwegs glücklich abläuft“, sagt Kliemann, der während des Gesprächs flink in seinen Laptop hämmert oder mit schnellen Strichen kleine Häuser oder dekorative Ornamente auf einen Notizzettel kritzelt. Bis er zum ersten Mal Augenkontakt hält, dauert es etwas, aber er verströmt so eine lässige Energie, dass er einem trotzdem schnell ans Herz wächst. Er selbst kann nie still sitzen, aber sein Umgang mit Menschen ist sehr unaufgeregt.

Auch seine neue Assistentin Antje scheint glücklich mit ihrem Arbeitsplatz zu sein: Via Instagram suchte er nach jemandem, der sein „halbes Gehirn“ wird. Neben einem Lebenslauf schickte sie ihm eine Überraschungsbox. Kliemann testete zu jenem Zeitpunkt, ob der übermäßige Genuss von Karottensaft auf Dauer die Haut wirklich orange macht. Antje packte eine Reibe, ein Kilo Karotten und eine Zitrone in die Kiste und schrieb: „Mach deinen Saft selber oder stell mich ein!“ Dem Maestro ein Getränk zu reichen ist allerdings eher ein seltenes Vergnügen. Meistens kämpft sich Antje durch Presseanfragen und kümmert sich um den Webshop sowie seine Agentur-Termine.

Wenn zusammen gefeiert wird, dann immer mit Schaulustigen und Kliemann-Fans. Bekannt sind mittlerweile die Hoffeste mit klingenden Namen wie „Schnabulier und Trödel ma!-Tage“ oder der „WuWiZaKliLa“ (Wunderlicher Winterzauber Kliemannsland), der dieses Jahr wieder am dritten Advent Besucher nach Rüspel lockt. Mit dabei: jede Menge Überraschungen und oft auch ganz spezielle Gäste, die für die musikalische Untermalung sorgen. So waren zum Beispiel schon Clueso oder Casper vor Ort.

Doch selbst die konnten Kliemann, der im Oktober das Album „Nie“ veröffentlichte, das Tourleben bisher nicht schmackhaft machen: „Ich habe das bei Bekannten und Freunden mitbekommen, das sah immer scheiße aus: Ich habe keinen Bock darauf, in irgendwelchen Containern eingepfercht zu sein und abgeschottet hinter Sicherheitsabsperrungen zu sitzen, um dann wieder in den total verfurzten Tourbus zu steigen und zum nächsten Stop zu fahren. Alle haben schlechte Laune, sind schlecht bezahlt, überarbeitet und übermüdet. Dann habe ich auch noch Schiss vor den Auftritten. Ich sehe da nix Positives dran“, sagt Kliemann. Er klimpert lieber auf dem alten „Gustav Lutze“-Klavier im Festsaal des Anwesens vor sich hin, das sich das Kliemannsland mit der Gemeinde teilt. Wenn nicht gerade ein Dorfbewohner getauft, getraut oder beerdigt wird, dann feiern hier die Stadtbesucher und Kliemann-Jünger. Und vielleicht hält sich auch ein Pärchen an den Händen und singt leise mit, wenn mal wieder jemand den robust-romantischen Song „Zuhause“ anstimmt: „Mein Zuhause ist kein Ort, das bist du.“