Katharina Weiß

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Laster und Liebe – Udo Jürgens wird 80

Musik

Nun ist er also alt. Ein Mann, der mit seinem Charme, der Erotik des Geistes, zum Verführer einer Ära wurde, die an wahrer Lust viel reicher war, als unsere gegenwärtige. Udo Jürgens wird am 30. September 80 Jahre. Und obwohl er selbst noch kühn die Bühnengeister bezwingt, feiert ihn Medien-Deutschland, als müsste man schon den Nachruf aus der Schublade kramen. Der Grund dafür: Udo Jürgens, der Anti-Spießer auf den Bühnen der Schrebergarten-Bürger, schrieb über 50 Jahre hinweg die Hintergrundmusik zur Bundesrepublik Deutschland. Mit seinem Jubiläum wird ihnen allen bewusst, dass auch ihre Tagebücher voll und ihre Gesichter faltig sind. Ein Segen, dass der Gratulant selbst mit beispielhaftem Optimismus, seinem leidenschaftlichsten Markenzeichen, auffällt. „Mitten im Leben“, heißt die neue Tour. Das mag zynisch klingen, aber eigentlich zeigt es nur, dass da endlich mal einer den Spruch „Du bist so alt, wie du dich fühlst“ lebt, ohne peinlich zu sein. Er hatte wohl, wenn man Show-Journalisten glaubt, von allen deutschen Musikern wohl den häufigsten Damenbesuch in der Garderobe. Deshalb hat es Udo Jürgens nicht nötig, sich nun mit einem 25-jährigen Model über all die roten Teppiche zu schieben. Seine Ohren standen schon immer ab, die Nase wuchert wie ein knorriger Ast und diese gescheitelte 70er Föhn-Frisur stand selbst Alain Delon nie wirklich. Dennoch gaben sie sich ihm alle hin. Weil da einer war, der die Schönheit von Melancholie verstand. Und dennoch nie jammert, ja, stattdessen mit Liedern wie „Ich weiß was ich will“ oder „Ich sah nur sie“ die Euphorie des Moments besang.

Mit diesen 10 Liedern hat sich Schlagersänger Udo Jürgens, der immer eher der beste deutsche Chansonnier war, auch für die nächsten 80 Jahre einen Platz in meiner Playlist gesichert:

Schenk mir noch eine Stunde

„Schenk mir noch eine Stunde,
lass diese Nacht noch nicht zu Ende geh’n.
(…)
Lass uns mit jenen trinken,
die an der Theke neue Welten bau’n.“

Für jede Lebenslage gibt es diesen einen Udo-Jürgens-Song, der es in deutschem Kernwortschatz genau auf den Punkt bringt: Es sind die besoffenen Nächte, die verrauchten Eckkneipen und die angeschwipste Freundschaft, der dieser Song ein Denkmal setzt. „Ich habe Alkohol getrunken, als gäbe es keinen Morgen. Aber nicht als Säufer, sondern aus Lebensfreude.“, sagte Udo Jürgens in einem Interview mit der „Morgenpost“.  Für alle, die es lieben, ihre Gläser zu erheben, mehrere Nächte durchzutanzen und sich mit Fremden tot zu lachen: Ein lautes „Prost!“ auf dieses Lied.

 

Dieses ehrenwerte Haus

“Der graue Don Juan, der starrt dich jedesmal im Aufzug schamlos an.
Die Witwe, die verhindert hat, dass hier ein Schwarzer einziehn kann.
Auch die von oben, wenn der Gasmann kommt, zieht sie den Schlafrock aus,
sie alle schämen sich für uns, denn dies ist ja ein ehrenwertes Haus.”

Schlager, das haben die Deutschen in den letzten Jahren vergessen, muss kein Kitsch sein, begraben unter Dauergrinsen, Jodeldiho und mysteriösen Kinderchören. Udo Jürgens war immer politisch, seine Unterhaltung kam immer auch von Haltung. Nie so rebellisch wie Udo Lindenberg oder so ausgeflippt wie Nina Hagen. Er opferte die Nachricht oft der Schönheit seiner Melodien. Aber wenn er direkt wurde, dann immer urkomisch – wie in diesem Song, der musikalisch unvergleichlich das prüde Sittengemälde der BRD ausgestaltet.

 

Ich sah nur sie

“Sie sagte: Was weißt du von meiner Stadt?
Du hast dein Hotel und den Roten Platz gesehen,
daß man Metro fährt, daß man Wodka trinkt.
Das reicht doch nicht aus, um die Menschen zu verstehen.”

Russland, das war zu Udo Jürgens Hochzeiten nur die dunkle Ostmacht. Er konterte auch hier mit einer Liebesgeschichte. Während meiner Russlandreise im März der deutsche Soundtrack zum russischen Winter.

 

Ich weiß was ich will

“Ich weiß was ich will. 
Ich will die Leidenschaft, mit der du mich liebst, 
die sanfte Zärtlichkeit, wie du sie mir gibst, 
die Illusion, du lebst allein nur für mich, 
die brauche ich.”

Er steht am Fenster und sieht dem Mädchen nach, das eben seine Wohnung verlassen hat. Es riecht noch nach ihr, er fühlt ihre Berührung. Dabei besingt er das gute Gefühl nach einem One-Night-Stand. Ich lebe im Zeitalter der „Mingels“. Wie erfrischend es doch wäre, einmal diesen Satz zu hören: „Ich weiß was ich will.“ Ob es dann so kommt, wie man plant, ist unwichtig. Auch Udo Jürgens hat dieses Ideal nie wirklich erreicht. Mich hätte er mit diesen Zeilen aber auf jeden Fall rumbekommen.

 

Bleib doch bis zum Frühstück

 
“Ich mix’ uns einen Drink,
das Radio bringt
Musik für die Nacht.
Doch wie krieg’ ich dich rum?
Mach ich auf dumm,
auf kühl oder heiß?
Ich probier’s einfach aus
und sag’ gradheraus:
Bleib’ doch bis zum Frühstück”

Baggern mit Udo: Direkt und charmant – hier mal mit einem richtigen Schunkelschlager. Hach, wenn wir uns doch 60 Jahre früher getroffen hätten..

 

The Music Played

 ”I couldn’t say the things I should have said
Refused to let my heart control my head
But I was made to see the price I paid
And as he held you close the music played
And as I lost your love the music played”

In mehreren Sprachen gibt es diesen Song, besonders schön ist er auf Französisch, aber auch in Japan blieb diese Melodie 5 Jahre in den Top 10 der Charts. Eine Melodie für einsame Martinis und Zigaretten, die man alleine vor Hotel-Lobbys raucht.

 

Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden

“Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden, und eine Hand, die Deine hält.
Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden und dass Dir nie die Hoffnung fehlt.
Und dass Dir Deine Träume bleiben und wenn Du suchst nach Zärtlichkeit,
wünsch ich Dir Liebe ohne Leiden und Glück für alle Zeit”

An meinem 18. Geburtstag spielte mein Vater dieses Lied für mich, dass Udo Jürgens gemeinsam mit seiner damals 17-jährigen Tochter Jenny aufgenommen hatte. Der schönste Vater-Tochter-Song, der mir je begegnet ist.

Es lebe das Laster

 ”Er saß wie ein Geier, auf seinen Moneten,
er ließ es nie krachen, auf diesem Planeten.
War immer versichert, für jegliche Not
und ich trinke auf ihn, denn nun ist er tot…
Es lebe das Laster, denn wer brav ist, wird nirgendwo vermisst.
Erst recht wenn er daran gestorben ist.”

Ach Udo, du alte Saufnase, man soll seine Laster eben pflegen wie seine Tugenden. Und so fit wie du mit 80 sind die ganzen Hornbrillen-Spießer schon lange nicht mehr. Nochmal ein Schnaps auf dich.

 

Ich war noch niemals in New York

 ”Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.”

Jeder kann es singen, und auch wenn das spätestens seit „Atemlos“ kein Argument für Qualität mehr ist – in diesem Fall bringt eine Sehnsucht ganze Festzelte und Rentnergeburtstage zusammen. 1982, vor der Wende, vor dem Work&Travel-Hype, da war die Welt kleiner und Amerika noch das ganz große Abenteuer. Bis ich zum ersten Mal in Brooklyn ein Bier trinke, wird das Lied auch in mir wie der Ruf der Freiheit widerhallen.

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