Katharina Weiß

Steven Lüdtke Steven Lüdtke

Michelle Barthel hat den Jagdinstinkt

Film

So unschuldig, ja fast zerbrechlich Michelle Barthel dem Betrachter auch erscheinen mag: In der Schauspielerin brodelt es ständig. 16 Berufsjahre voller Höhen und Tiefen haben die 25-Jährige in so viele Rollen schlüpfen lassen, dass von jeder cineastischen Heldentat und jedem Seelenabgrund etwas an ihrer eigenen Persönlichkeit hängen geblieben ist. „Dieser Beruf gibt mir die Möglichkeit, mich in andere Leben hineinzustürzen“, beschreibt sie ihre Leidenschaft. Wie eine Kulturanthropologin studiere sie dabei stets das Wesen des Menschen, mit Forschungsfragen wie: Was bringt uns dazu, so heftig zu lieben, so heftig zu hassen, so heftig glücklich zu sein oder so heftig zu streiten? Und worin begründen sich unsere Entscheidungen? Ich darf – in der geschützten Blase des Films – so viele Leben leben, wie ich möchte.“

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Im Falle des Tatorts „Treibjagd“, der am 18. November um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird, durchlebt sie einen Albtraum: Ihre Figur, eine Räuberin, muss mit ansehen wie ihr Liebster erschossen wird. Ohne ihren Clyde muss diese Bonnie, selbst schwer verwundet, vor zwei Mächten fliehen: zum einen vor den Mördern ihres Freundes, die ihre Zeugenaussage verhindern wollen. Und zum anderen vor Kommissar Thorsten Falke, gespielt von Wotan Wilke Möhring, der die Gesetzesbrecherin dingfest machen möchte.

Im Film trägt Michelle Barthel nur ein einziges Kostüm, deshalb bitten wir sie für das MYP Magazine zum Glamour-Shooting. Als Location hat sich die gebürtige Nordrhein-Westfälin ihre Lieblingsbar ausgesucht: das Café Rix in Berlin-Neukölln. Wie der berühmte Heimathafen liegt das Café im sogenannten Neuköllner Saalbau, einem traditionsreichen Veranstaltungsort mit knapp 140-jähriger Geschichte: Schon in den 1920ern kamen im Saalbau viele Theater-, Varieté- und Konzertkünstler in ausgelassener Runde zusammen. Auch Barthel, die von der Barchefin bereits geduzt wird, besucht hier gerne die Kostümparty „Bohème Sauvage“, trifft sich mit Freundinnen auf ein Glas Crémant oder lädt Journalisten zum Plausch ein.

Zum Film kam Barthel mehr oder weniger aus Versehen: Als sie acht Jahre alt war, hörte sie von einer Freundin, dass in ihrer Stadt gerade nach Kindern für ein Mode-Shooting gesucht wurde. Als beide Mädels vor Ort einen Steckbrief mit biografischen Angaben und Hobbys ausfüllen mussten und Barthel darauf unter anderem „Kindertheater“ kritzelte, wurde sie kurzerhand zum ersten Casting ihres Lebens eingeladen. Denn die Firma, die das Fotokatalog-Shooting betreute, hatte auch eine Kinderkino-Agentur unter ihrem Dach. „Ich musste bei meinen Eltern ganz doll darum betteln, dass ich da hingehen durfte“, sagt Barthel, die gerne vom engen Verhältnis zu ihrer Mama erzählt. Diese sei übrigens vom Klischee einer Eiskunstlaufmutter so weit entfernt wie der durchschnittliche GZSZ-Darsteller von einem Oscar.

Letztlich durfte klein Barthel aber doch zum Vorsprechen. Und wurde sofort besetzt. „Der simple Grund: Ich war die einzige, die sich getraut hat, den Jungen zu küssen“, sagt sie und lacht bescheiden. Wer sich das Provinzmärchen „Der zehnte Sommer“ aus dem Jahr 2003 heute nochmal anschaut, der fühlt sich beim Anblick des neunjährigen Mädels mit den geflochtenen Zöpfen, dem Dirndl und der weichen, süßen Stimme an die ersten Filmversuche von Romy Schneider erinnert.

Das Talent wurde in der Branche nicht übersehen: Ab diesem Zeitpunkt stand Barthel eigentlich ständig vor der Kamera. Als besonders herausragend wurde ihr Film „Keine Angst“ aus dem Jahr 2009 ausgezeichnet – dafür erhielt sie unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis.

Während der Dreharbeiten wohnte sie mit den Kollegen Carolyn Genzkow und Max Hegewald in einer betreuten WG. „In einer Drehpause waren Caro und ich in der Shopping Mall. Dort sahen wir diese Box mit Lebendfutter für Schlangen. Die Mäuse taten uns so leid, dass wir dachten: Wenigstens zwei davon müssen wir retten“, erzählt Barthel. Doch die Tiere büchsten den Jugendlichen sehr schnell aus, alle Lockversuche schlugen fehl. Am Ende der Dreharbeiten, als Barthel und Genzkow wieder auszogen, bekam die Produktion einen bösen Brief und eine saftige Rechnung vom Vermieter: Der hatte einen Kammerjäger bestellen müssen, da die weißen Mäuse fleißig an den Kabeln der Wohnung geknabbert hatten. Barthel schämt sich bis heute dafür, kann die Geschichte aber irre komisch erzählen.

Neben den Abenteuern am Set ging sie natürlich noch zur Schule. Noch am Nachmittag ihrer letzten Abiturprüfung, Deutsch mündlich, wurde sie nach München zur Kostümprobe von „Spieltrieb“ eingeflogen – ihrer ersten großen Kinoproduktion an der Seite von Jannik Schümann.

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Aber wo Licht ist, ist bekanntlich immer auch Schatten: Die Castingkultur und die ständige Beurteilung gehen an einer Kinderseele nicht spurlos vorbei. Ablehnung und Zweifel gehören ebenso zum Berufsbild wie kreative Freiheit und rote Teppiche. Besonders hart wurde es, als Barthel sich nach der Schule in den Kopf setzte, das Handwerk an einer Schauspielschule zu erlernen: „Ich war bei mehreren Vorsprechen, aber keiner wollte mich. An diesem Vorhaben bin ich ganz kläglich gescheitert“, gesteht sie sich heute ein. Kurz dachte sie darüber nach, doch etwas ganz anderes zu tun.

Bereits mit 15 wurde sie von Sandra Maischberger im Rahmen einer Preisverleihung gefragt, was sie denn mal werden wolle. Ihre Antwort damals: „Mama. Oder Grundschullehrerin, das könnte ich mir auch gut vorstellen.“ Plötzlich, mit 20, schien die Abkehr vom Schauspielbusiness wieder ebenso wahrscheinlich. „Ich fragte mich, wie es für mich weitergehen kann, wenn ich keine professionelleren Techniken erlernen kann“, sagt Barthel. Nach einem inneren Ringkampf mit sich selbst entschied sie sich aber durchzuhalten – und sich selbst zu helfen: „Ich habe mich auf die Suche nach Kollegen und Coaches gemacht, die mir in privaten Nachhilfestunden oder Schauspiel-Workshops mit all den Fragen weiterhelfen konnten, die ich an meine Arbeit hatte“, erzählt sie und erinnert sich dabei gerne an die wertvollen Tipps von Schauspiel-Mentorin Teresa Harder und vielen weiteren.

Die ungewöhnliche Eigeninitiative zahlte sich aus. „Ich habe dadurch gelernt: Es gibt tausend Wege, dem nahezukommen, was man wirklich liebt.“ Mittlerweile gehört sie zum Stammpersonal der deutschen TV-Landschaft. Und 2019 warten mit der österreichischen Produktion „Der Boden unter den Füßen“ und dem Drama „Relativity“ an der Seite von Edin Hasanović außerdem zwei Kinofilme auf ihre Fans.

In den letzten Jahren ist Michelle Barthel in viele Rollen hineingewachsen: „Es ist eine großartige Reise in die Seele des Menschen. Die kann tief, böse, verletzt, wütend verlaufen. Oder schüchtern, lieblich, zerbrechlich.“ Ihr gehe es immer um den inneren Kampf der Figuren. Dabei machte sie eine erstaunliche Erfahrung: „Die Rollen passen immer wie die Faust aufs Auge zu meiner tatsächlichen Lebenssituation.“ Sie beschreibt dieses Phänomen wie eine Art self-fulfilling prophecy: „Die zentrale Frage einer Figur war häufig eine Frage, die ich mir auch gerade gestellt habe.“

Der Hunger nach den Wundern dieser Welt ist Michelle Barthel, die in ihren Drehpausen auch noch „Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften“ und „Französische Philologie“ an der Freien Universität Berlin studiert, in jede Pore eingeschrieben. Passend dazu verrät sie am Ende unseres Gesprächs mit einem Augenzwinkern: „Ich will die Erfahrung immer so nahe am echten Leben spüren wie nur möglich. Deshalb verliebe ich mich am Set auch jedes Mal.“