Katharina Weiß

©Sabrina Schindzielorz ©Sabrina Schindzielorz

Millennial-Mütter und ihr schwieriger Alltag in einer kinderfeindlichen Gesellschaft

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Erschienen auf NEON/stern.de, hier geht es zum Original-Artikel mit allen Fotos.

Lisa, 25, lebt in einem 7000-Seelen-Ort in Bayern. Zusammen mit ihrem damaligen Freund Alex, 29, beschloss sie: “Wir machen das anders! Wir bekommen jetzt die Kinder, dann sind sie erwachsen, wenn ich 40 bin – und ich kann noch mal Karriere machen“, erzählt Lisa, die gerade ihren Psychologiemaster an einer Fernuni macht, während Alexander als Journalist arbeitet. Die beiden Wunschkinder Julius, 4, und Klara, 2, leben in einer klassischen ländlichen Idylle: Wer aus Lisas Haustür tritt, der fällt quasi gleich ins Grüne. Die Wohnung der jungen Familie liegt im ersten Stock von Alexanders Elternhaus. Bald baut das Paar, dass seit 2015 verheiratet ist, ein eigenes Haus.

Das Kontrastprogramm ist bei Meriem, 23, und Uwe, 52, angesagt. Die DJane und der Musikproduzent verliebten sich vor knapp fünf Jahren. Auf einmal war Ida, 2, da, die in ihren Mini-Nikes und den süßen Kleinkind-Kopfhörern inzwischen die süßeste Studiodekoration des kreativen Pärchens ist. Meriem und Uwe wohnen in einer Neuköllner Wohnung, nehmen das Babyfone auch mal mit in die Stammbar direkt darunter, und teilen sich ihre Jobs auf. Wenn Meriem ihr Set um Mitternacht spielt, dann bleibt Uwe zu Hause mit Ida.

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Generell sei ihre Rollenverteilung sehr progressiv: “Ich bin viel unterwegs und mein Freund übernimmt viel Verantwortung für unsere Tochter. Ich kenne zum Beispiel kaum eine andere Mutter aus Idas Kindertagesstätte, weil Uwe sie dort täglich hinbringt und um spätestens 17 Uhr wieder abholt. Ich habe unglaublichen Respekt vor alleinerziehenden Frauen.” Vor allem in dem Kolleg, in dem Meriem gerade ihr Abitur nachholt, treffe sie viele Mütter in ihrem Alter, die Arbeit, Abitur und Kind unter einen Hut bringen müssen.

Wer denkt, dass auch Lisa, die ja in einem Mehrgenerationenhaus lebt, viel Zeit für sich hätte, der irrt: “Der Alex muss zwar im Haushalt alles machen und alles können, genau wie ich. Als Journalist ist er aber doch viel unterwegs und das mit dem Planen ist in seinem Beruf auch schwierig. Wir wohnen zwar mit meinen Schwiegereltern zusammen – aber genau wie meine Eltern müssen die noch Vollzeit arbeiten.”

Die Kita ist deshalb die einzige kinderfreie Zeit, in der Lisa für das Studium Bücher wälzen und Besorgungen erledigen kann. Deshalb ärgert es sie besonders, wie rückständig die Perspektiven auf Kinderbetreuung in der bayerischen Provinz sind: “Fremdbetreuung ist hier vielen ein Dorn im Auge. Ich bekam auch neulich von einer anderen Mutter gesagt, dass sie das unmöglich fände, dass ich mit Kind studiere. Zudem wurde erst eine Art Strafbeitrag für Eltern, die ihr Kind länger als bis Mittag betreuen lassen, eingeführt. Die Begründung lautete, den Trend der Nachmittagsbetreuung wolle man nicht aus der öffentlichen Kasse unterstützen.” Solche Denkweisen seien sehr unangenehm, klagt Lisa.

In Berlin sei die Kita-Frage zwar normalisiert – Meriems Tochter ist in einer Gruppe, in der alle Kinder bis in den späten Nachmittag miteinander spielen. In einem urbanen Umfeld, in dem keine Großeltern oder sonstige unterstützende Familienmitglieder in erreichbarer Nähe wohnen, ist die dichte Betreuungsstruktur ein Muss.

Trotzdem empfindet auch sie Deutschland als kinderfeindliche Gesellschaft. Sie achtet in ihrer Erziehung sehr auf Höflichkeit und Manieren. Das bezeichnet sie scherzhaft als Allüre, die sie von ihre Mutter geerbt hat, die 1993 aus Algerien nach München zog und “die klassische Hausfrau war.” Obwohl sie durchaus die Strengere in ihrer Beziehung ist, fällt Meriem oft auf, wie wenig Verständnis die Menschen für Eltern haben. “Ich sitze in einem Café, in dem es ohnehin laut ist, doch dann lacht und quiekt Ida mal für eine halbe Minute, und gleich sehe ich verachtende Blicke, manchmal höre ich auch böse Kommentare. “Mittlerweile konfrontiere ich die Leute immer”, sagt sie. Besonders schlimm findet sie, dass es oft andere Frauen in ihrem Alter sind, bei denen sie auf mehr Empathie gehofft hätte.

Ein Empathieproblem sieht Lisa auch bei Müttern untereinander. Sie hat sich schon oft mit dem Begriff ‘Mom-Bashing’ auseinandergesetzt, der auf Diskurse abziele, bei denen sich Mütter gegenseitig für die ein oder andere Praktik fertigmachen: “Das regt mich auf. Viele Themen, gerade Emotionale wie Stillen oder Geburt oder Fremdbetreuung werden unter Müttern heiß diskutiert. Jede findet natürlich ihren Weg am besten und es werden kaum Alternativen zugelassen.“

Eine neue Generationen von Müttern, zu denen sich Lisa und Meriem zählen wollen, sehe das entspannter. “Das klingt jetzt vielleicht komisch“, sagt Meriem, “aber Ida ist nicht ausschließlich das Wichtigste in meinem Leben. Uwe, Ida und ich, wir sind zu dritt gleich wichtig. Und natürlich nehmen wir auf unsere sehr unterschiedlichen Bedürfnisse Rücksicht.”

Trotzdem wäre ganz klar, dass Meriems Leben mit 23 nicht nur in der Mutterschaft aufgehen kann. Deshalb reisen die beiden auch viel. Mit Ida waren sie zum Beispiel in Los Angeles oder Kiew. Auch Lisa findet, dass sich Eltern früher viel mehr untersagt haben, als nötig gewesen wäre. Als sie mit Alexander mehrere Wochen in Brasilien war, fiel ihr zudem auf, wie zuvorkommend andere Nationen dem Familienthema gegenüberstehen. “In Sao Paulo gibt es am Flughafen oder in Supermärkten ‘Fast Lanes’ für Eltern mit Kind oder Behinderte und ältere Menschen. Da stelle sich Mal einer vor, was es für einen Zoff gebe, wenn Lidl sowas einführen würde.“

Auch wenn Lisa viel Ahnung von aktuellen Debatten rund ums Elternsein hat und viele Missstände anprangert, wird nach einigen Minuten, die man mit ihr und den beiden Kindern verbringt, deutlich, dass sie ihr Schicksal selber in der Hand hat und absolut glücklich mit ihrer Entscheidung ist. Trotz der Belastung durch zwei Kinder und ein anspruchsvolles Studium überwiegen die wundervollen Momente: “Manchmal beobachte ich meine Kinder und dann spüre ich einfach nur die reine Liebe. Das kann man nicht in Worte fassen, das ist ein überwältigend schönes Gefühl.“