Katharina Weiß

Roberto Brundo Roberto Brundo

Tanz zu Gott

Gesellschaft

Keine Strömung des Islam hat spirituell Sehnsüchtige aus Europa und Nordamerika bisher so fasziniert wie die mystische Tradition der Sufi-Gemeinden. Viele kamen, um durch die Wirbeltänze der Derwische oder die yogaartige Körpermediation in Ekstase zu verfallen. Einige blieben, um Perlentaucher zu werden, um wahre Herzverbindungen zu erfahren und um jene brennende Liebe zu empfinden, die laut Sufi-Lehre nur dem hingebungsvollen Diener widerfährt.

 

Für Gottsuchende mit einem Faible für atmosphärische Rituale bietet das Sufi-Zentrum Rabbaniyya am Bodensee und in Berlin einen bunten Veranstaltungskalender. Dieser soll auch scheuen Interessenten den Zugang zu unverbindlichen Informationsabenden ermöglichen. Das urbane Gesicht dieser Gruppierung des Naqschbandi-Ordens, der in seiner goldenen Linie bis zum Propheten Mohammed selbst zurückgeht, ist die Vorsitzende Feride Funda G.-Gençaslan. Meist trägt sie ein breites Lächeln im Gesicht, das manchmal in ein verbrüderndes Kichern driftet. Doch wenn die 38-Jährige auf ihrem erhöhten Sitzkissen in der Mitte des Gemeinschaftsraums sitzt und von den Lehren ihres Sheikhs erzählt, bleiben Mimik und Stimme ganz ruhig. Nur ihre großen, ausdrucksstarken Augen ziehen den Betrachter tief hinein in die Konversation. „Ich war immer schon sehr neugierig und habe wahnsinnig viel gelesen. Als junge Frau hatte ich viele Fragen – auch an meine Religion. Ich wusste zwar, ich bin Muslima, aber Vieles war mir nicht ganz schlüssig.“

Einer von ihnen ist Andreas Bukowski. Er stellt sich als Semazen, als tanzender Derwisch in den Dienst der Gemeinde. Das Pikante an seinem Lebenslauf: In Berlin geboren, wurde er als Kind polnischer Eltern traditionell römisch-katholisch erzogen. Sein Berufsweg führte ihn dann zur evangelischen Kirche. Dort ist der Konvertit als Friedhofsgärtner tätig. Täglich betritt er den Friedhof und wird sich durch jeden Grabstein bewusst, dass alles einmal sterben muss. Ein eigenartig passender Beruf für einen Semazen, da alles am berühmten Wirbeltanz der Sufis als Vergegenwärtigung des Todes interpretiert werden muss: Die doppelwandige Filzmütze, genannt Sikke, steht für den Grabstein. Das weiße, lange Gewand symbolisiert das Leichentuch, „weil der Drehende seine Existenz verlässt. Die Person Andreas sollte dann eigentlich gestorben sein, man ist nur noch ein Kanal für das Göttliche, für die wirkliche Liebe“, erklärt Bukowski. Der schwarze Mantel darüber steht für die Graberde, die dann im Tanz abgeworfen wird. Im Sufismus gibt es neben dem klassischen Gebet verschiedene Praktiken des Dhikr (dt. Gedenken an Gott). Das Drehen der Derwische sowie rituelle Meditationen und Gesänge bilden – oberflächlich gesehen – die Voraussetzung, in Ekstase zu geraten.

Mit diesem Begriff tun sich die Sufis jedoch schwer: „Die Ekstase ist nicht das Ziel, denn wer sich komplett vergisst, kann nicht mehr dienen“, erklärt Feride Gençaslan, während Andreas Bukowski zu Vorführungszwecken mit den kreisenden Bewegungen beginnt. „Die Ekstase, wie sie im Westen verstanden wird, ist etwas grundlegend anderes, deshalb würde sie den Weg zu Gott erschweren. Der Semazen tritt nicht aus sich heraus, sondern kehrt tief in sich hinein, um Allah zu finden. Wir würden den Zustand, in den der Semazen verfällt, also eher als eine Situation beschreiben, in der er sich den Ablenkungen der Welt verschließen kann, um Gott näher zu kommen. Er dient als eine Art Kanal zwischen Allah und der Gemeinde.“ Die rechte Handfläche des Tanzenden zeigt nach oben, sie soll den Segen empfangen, während die linke Handfläche, die nach unten zeigt, eben diesen weitergeben soll. Absolute Entrückung ja, aber für ein höheres Ziel.

Was man verstehen muss: Anhänger des Naqschbandi-Ordens verstehen ihr Dasein als eine Art Mönchstum. Auch ohne Vertrag oder Zölibat treffen sie eine persönliche Entscheidung, unter höchsten spirituellen Anstrengungen nach dem Weg zu Allah zu suchen. Eine gewisse Motivation ist nötig, um sich diesem Weg zu stellen. Für Andreas Bukowski war der Auslöser eine spirituelle Erfahrung, die ihn grundlegend veränderte: „Ich habe einen Moment erlebt, in dem mir gezeigt wurde, wie jede Blume Licht ausstrahlt, wie jedes Geschöpf den Herrn lobpreist… alles strahlte Liebe aus.“ Ich frage ihn, ob dieses Gefühl mit der Erleuchtung vergleichbar ist, die die Buddhisten anstreben. „Ja, ein Augenblick, der kommt und gleich wieder geht. Es ist ein Geschmack, der immer bleibt, und die Sehnsucht, da wieder hinzukommen, ist sehr stark.“

Nach dieser, wie er es nennt, spirituellen Erfahrung las der 39-Jährige viele buddhistische und taoistische Bücher. Doch erst als er auf Sufi-Literatur stieß, die sich in ihrer methaphernreichen Sprache am Schatz alter Dichtertraditionen orientiert, empfand er: Die haben dasselbe erlebt. Er googelte „Sufi“ und „Berlin“ und fand das Zentrum Rabbaniyya. Er blieb. Eine romantische Herausforderung war es schließlich, die ihm den Weg zur Aufgabe des Semazen ebnete: „Ich hatte eine Prüfung mit einer Frau, mit der es nicht geklappt hat.“ Er betete viel und bat Allah, ihm das Sema zu öffnen, also den Weg zum vollendeten Dienen zu zeigen. Eine Woche später wurde ihm sein Gewand überreicht, und ein Glaubensbruder richtete aus: „Der Sheikh sagt, du bist bereit, und will, dass du dich von jetzt an drehst.“

Seit im Jahr 1925 – im Zuge von Kemal Atatürks strikter säkularen Staatsgründung – alle islamischen Orden in der Türkei verboten wurden, konnte das Drehen der Derwische in der Öffentlichkeit nur noch als Touristenattraktion praktiziert werden. Auch wenn eine nordamerikanische und europäische Rezeption des Wirbeltanzes deshalb limitiert blieb, hat sich doch die politische Lage in der Türkei stark verändert. Bis 2011 galten der umstrittene türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und die in der Sufi-Mystik verwurzelte Gülen-Bewegung als Verbündete. Ihr Ziel: die Türkei erneut als islamische Weltmacht zu etablieren. Die einstigen Gefährten zerwarfen sich jedoch auf halber Strecke über die Frage nach der Machtverteilung in dieser neuen Ordnung. 2016 gipfelte der Konflikt in Erdoğans Vorwurf an Gülen, für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich zu sein. Dies katapultierte die Gülen-Bewegung, die einigen Quellen zufolge ebenso wie das deutsche Zentrum Rabbaniyya in der Tradition der Naqshbandiyya wurzelt, ins Licht der internationalen Öffentlichkeit.

Diese direkte Verbindung dementiert Feride Gençaslan: „Die Gülen-Bewegung wurzelt nicht in der Tradition der Naqshbandiyya. Sie richtete sich anfänglich an der Nurcu-Strömung nach Said Nursi aus. Doch da die traditionellen Nursi-Anhänger Gülen mieden und ihn nicht als den Ihren akzeptierten, blieb der Gülen-Bewegung nur, sich in der Sufi-Sprache mit Sufi-Lexik zu präsentieren, aber keinem traditionellen Orden als zugehörig zu definieren.“

In Deutschland hat sich vor allem der im Libanon geborene Islamwissenschaftler Ralph Ghadban mit dem Zusammenhang zwischen den Sufi-Orden und den islampolitischen Ambitionen der Gülen-Bewegung beschäftigt. Aber ist diese nun liberal, erzkonservativ, rein politisch, schwer vergeistigt oder gar – Achtung Reizwort – salafistisch? Ralph Ghadban stellt in seinem bereits 2014 erschienen Essay „Die Sufi-Dimension der Gülen-Bewegung“ fest, wie schwer sich deutsche Medien mit der Einordnung tun: „Diejenigen allerdings, die den Sufismus in der Bildung der Bewegung berücksichtigen, tun es nur im positiven Sinne, um der Bewegung eine Aura von Spiritualität zu verleihen und sie in der Tradition des politisch harmlosen, klassischen Mystizismus einzureihen.“ Die unverbindliche Hippie-Attitüde, die gerne in den Sufismus gelesen wird, scheint also ebenso wenig den Kern dieser Glaubensströmung zu treffen wie ein von oben befohlener Glaubensstaat.

Feride Gençaslan versucht etwas Licht ins Dunkel zu bringen: „Liberal im Zusammenhang mit Islam bedeutet oft, dass es keine Regeln gibt. Auch unsere Praktiken des Dhikr klingen im westlichen Zusammenhang liberal: Mystiker, Liebende, Tanzende, Freigeister. Das sind Vorstellungen westlicher Perspektiven auf uns Sufi-Muslime, weil wir total entspannt aussehen.“ Ihr weites blaues Gewand passt farblich zu ihrem kunstvoll geschwungen Turban, der über dem Nacken schließt. Sie trägt Schmuck und dezentes Make-up. Nichts daran ist aufreizend, aber es bricht deutlich mit dem europäischen Angstbild der vollverschleierten Muslima in Schwarz. „Wir versuchen eine Selbstverständlichkeit für die eigene Individualität und die Individualität des anderen herzustellen“, führt sie fort. „Wir respektieren den anderen. Der Meister des berühmtem Mevlânâ Rumi hat gesagt: Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Menschen gleich aussehen, warum hat er sie dann nicht gleich erschaffen? Alle blond, dieselbe Sprache, dieselbe Größe, man hätte auch keine Geschlechter trennen brauchen. Dann hätte er, in moderner Sprache, eine Armee aus Klonen gehabt, die ihn in derselben Sprache preisen. Wenn Gott dies glücklich gemacht hätte, dann hätte er sie auch so erschaffen. Aber nein, keine Ameise gleicht einer anderen, jedes Geschöpf ist einzigartig – und dadurch ist jedes Wesen Zeugnis der Einzigartigkeit des Schöpfers, weil sich seine Einzigartigkeit nun mal in der Schöpfung manifestiert.“ Deshalb sei jeder, egal ob Feueranbeter, Christ oder Konfessionsloser, der nach einer harmonischen Gemeinschaft sucht und etwas über das himmlische Wissen hören will, bei den Sufis willkommen.

Zu einer klassisch liberalen Strömung gehören sie trotzdem nicht, denn dafür gibt es – auch hier ist es wieder wichtig, den Ordenscharakter der Gemeinschaft zu betonen – zu viele Regeln. Dies verdeutlicht ein Beispiel aus Gençaslans Studienzeit: In ihrem ersten Semester an der Freien Universität Berlin setzte sie, die damals noch keine Kopfbedeckung trug, sich im Ramadan an den Tisch einer Kommilitonin, die seit der Hochzeit mit einem Algerier zum Islam konvertiert war und zum schwarzen Gewand den schwarzen Hijab trug. Da beide fasteten, kamen die Frauen ins Gespräch und die Kommilitonin fragte: „Was für eine bist du denn?“ Nachdem Gençaslan sich als sunnitische Naqschbandi-Muslima zu erkennen gab, staunte die andere: „Wow, da hast du ja ein ganz schönes Programm.“ Mit dem Programm meinte sie die Praktiken des Dhikr. Jeder Orden hat seine eigenen. Hinzu kommen individuelle Aufgaben, die der Sheikh für seine Schüler aussucht. „Bei mir sind das beispielsweise 300 zusätzliche Wiederholungen von ‚Ya Latif‘, der arabischen Formel für ‚Der Sanftmütige‘. Dabei hilft meine Gebetskette mit 200 Perlen, eine Ottonormal-Muslim-Gebetskette hat 99 Perlen.“ In Bezug auf ihre Kommilitonin von damals kommentiert sie: „Sufismus ist nicht weniger Islam, als der Islam, den man jemandem ansieht.“

Die Sufi-Lehre halte sich nur ungern mit Äußerlichkeiten auf, es gehe um die ganzheitliche Erfahrung, getreu dem Motto: Wenn man sich dem Fluss ergeben will, darf man sich nicht am Ast festhalten. Will man sich hingeben, dann muss man loslassen. „In der Realität sind wir aber von all unseren materiellen Eindrücken so gefangen genommen, dass wir uns dem Göttlichen nicht mehr hingeben können. Wir haben das Versprechen vergessen, dass wir uns immer an den Schöpfer erinnern.“, sagt Gençaslan. „Doch nach diesem Erinnern müssen wir suchen, um all die sinnliche Wahrnehmung loszulassen, die uns Gott vergessen lässt.“ Dabei helfe es dem Dienenden, es dem Propheten gleich zu tun, und sich beispielsweise ebenso von rechts nach links anzuziehen. Oder die Suppe gegen den Uhrzeigersinn zu rühren – in diese Richtung dreht sich auch der Derwisch. Ich frage, ob man sich nicht mit noch mehr Weltlichem ablenkt, wenn man diese detaillierten, manchmal peniblen Kleidungs- oder Speisevorschriften befolgt. „Richtig, aber Gott ist dann dabei. Durch die Nachahmung von Mohammads Taten versuche ich, mich Allah auf seine Art und Weise anzunähern. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben ordnen. Durch diese Ordnung werden wir Herr über uns selbst, Herr über die Lage.“

Bei den Sufis wird das Gedenken Gottes in jede Facette des Alltags integriert, das Prinzip des Bettelmönchs ist ihnen jedoch fremd. Laut Sufi-Lehre soll man so hart arbeiten, als würde man niemals sterben, aber gleichzeitig ständig seines Gottes gedenken, als ob man jeden Augenblick in seine Gegenwart treten könnte. Während ihr Ehemann bei den Berliner Verkehrsbetrieben arbeitet, hat Feride Gençaslan ihren Glauben zu ihrer Arbeit ge-macht und ist seit 2015 als Vorsitzende des Sufi-Zentrums Rabbaniyya angestellt. Das zunächst etwas Verwirrende daran ist, dass ihr leiblicher Bruder – Sheikh Eşref Efendi, der am Bodensee residiert – das spirituelle Oberhaupt der Gruppe ist. 1995 wurde er von Großsheikh Nazım Kıbrısi autorisiert, in der Tradition der Naqschbandīya als spiritueller Wegweiser den deutschen Raum zu betreuen. Auch sie wurde durch die Zeit mit Großsheikh Nazım tief verändert, praktizierte ihre Religion damals aber noch nicht so intensiv. Die beiden Geschwister waren zwar religiös erzogen worden, jedoch zu einem eher moderaten Grad. Es gab keinen Zwang, islamische Kleidungsvorschriften spielten keine größere Rolle. Dass ihr Bruder eine ganz besonders tiefe spirituelle Verbindung hat, war zwar schon immer klar. Aber erst viel später, als sie gegen Ende ihres Studiums die Worte des Bruders für eine wachsende Zahl deutschsprachiger Gemeindemitglieder übersetzte, nahm sie ihn zum ersten Mal als Sheikh wahr: „Je öfter ich ihn übersetzt habe, desto stärker wurde meine Verbindung zu seinen Worten. So kannte ich ihn nicht, das war nicht der große Bruder, den ich von zuhause kenne. Eine andere Kraft hat aus ihm gesprochen und ermöglichte auch mir ganz hohe mystische Inhalte.“

Zur selben Zeit lernte sie auch ihren jetzigen Ehemann kennen. Beide waren am Ende ihres Studiums, als sie sich in der Gemeinde begegneten. Der sechsjährige Sohn der beiden wohnt bei seinem Onkel, dem Sheikh Eşref Efendi, in der Sufi-Gemeinde am Bodensee. Das Paar pendelt zwischen den beiden Niederlassungen hin und her. Im beschaulichen Eigeltingen-Reute leben sie mit 40 anderen Sufi-Familien in einer Art spiritueller Kommune. In Berlin wohnt die Familie zwar in einer Weddinger Wohnung im fünften Stock, aber ein bisschen Hippie ist auch hier mit dabei: Der Gemeinschaftsraum des Sufi-Zentrums befindet sich in der ufaFabrik – ein Ort, dessen Geschichte ebenfalls dicht mit der 68er-Revolution verwoben ist. Anfang der 70er entwickelte sich in Berlin eine Kommune, die ab 1979 das Gelände des ehemaligen Filmkopierwerks der Aktiengesellschaft für Filmfabrikation friedlich besetze, und das „ufa“ im Namen in „unabhängig-frei-autark“ umdeutete.

Um die 30 Gründungsmitglieder leben heute noch auf dem Grundstück, manche davon nehmen regelmäßig an den Angeboten des Sufi-Zentrums teil. Diese Verbindung zwischen den freiheitsliebenden Blumenkindern und den asketisch-mystischen Sufis wirft spannende Gegensätze auf: Sowohl der Sufismus als auch die Karma-Kagyü-Schule des Buddhismus wurden in Europa und Nordamerika im Zuge der Hippie-Ära populär. Beide Modelle profitieren stark von einer Lehrer-Schüler-Beziehung, die spirituell Suchenden kamen aber gleichzeitig aus linksliberalen Kontexten, die sich stark gegen autoritäre Gesellschaftsmodelle wehrten.

Wie passt das mit der völligen Ergebenheit unter einen Sheikh, einen Meister, zusammen? Zumindest Andreas Bukowski, der Semazen, hat für sich eine Antwort darauf gefunden: „Die 68er waren eine notwenige Zeit, freie Liebe, alles war erlaubt und trallala. Aber wenn du dich wirklich spirituell auf den Weg machst, dann merkst du ganz schnell, ohne Regeln klappt das nicht. Ein Sprichwort sagt: Wenn du keinen Sheikh hast, dann ist der Schaitan (dt. Satan) dein Sheikh.“ Für Sufis sind ihre Meister wie Spiegel, die das Wissen des Propheten reflektieren und so an den Betrachter, den Schüler, weitergeben können. Der allererste dieser Schüler war Abu Bakr, ein nicht blutsverwandter Gefährte des Mohammad. Über die sogenannte Herzverbindung teilte der Prophet seinen Lehrauftrag mit dem guten Freund. „Der Sheikh ist für uns so wichtig, denn Allah sagt: Ich war ein verborgener Schatz und wollte gefunden, gelobt, geliebt und gepriesen werden.“, ergänzt Feride Gençaslan, denn Sufis seien wie Perlentaucher, und durch den Sheikh finden sie in der Dunkelheit das göttliche Licht. „Es zu praktizieren ist die eine Sache, es zum Ausdruck zu bringen eine ganz andere. Nicht jeder, der Diplom-Mathematiker ist, kann auch Mathematiklehrer sein.“ Das Wichtige: Die Propheten waren laut Überlieferung alle miteinander blutsverwandt, sie finden sich alle bei Abraham, dem Stammesvater der drei monotheistischen Weltreligionen. Durch die Herzverbindung mit Abu Bakr, der kein Familienmitglied war, wurde bereits am Anfang der Sufi-Tradition mit diesem Schema gebrochen. Stattdessen wird der Meisterschüler zum Meister. Doch der Weg dorthin ist weit, daraus macht Gençaslan auch kein Geheimnis.

Viele neugierige Zuhörer finden sich nun ein, denn in wenigen Minuten beginnt der freitägliche Sufi-Abend. Das teetrinkende Publikum, das auf den bunten Sitzkissen Platz nimmt, ist gemischt. Einige Mitglieder der ufa-Kommune, ein paar Hijabis und Männer mit Takke, vereinzelt Mittvierziger im Freizeitlook, eine Gruppe aus Portugal und der Ukraine, die zum allerersten Mal dort ist. Andreas Bukowski in seinem Semazen-Gewand sitzt in der Mitte des Publikums, er wird später den Wirbeltanz erklären und anleiten, während Feride Gençaslan die Grundlagen der Sufi-Mystik in sprachlich ausgefeilten Metaphern erklärt: „Der Tod ist das ewige Leben, deshalb tragen die Derwische die Todessehnsucht am Körper, weil es die Begegnung mit dem Schöpfer verdeutlicht. Mevlânâ Rumi hat gesagt: Das Leben ist eine Reise von maximal drei Tagen – gestern, heute und vielleicht morgen.“ Diese kurze Reise mit Glück und Liebe zu füllen, ist es, was uns alle verbindet.

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